Andacht zu Heilig Abend

Vielleicht hört jemand von Ihnen und Euch heute oder in diesen Tagen das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach. Wenn schon live-Konzerte in diesen Corona-Zeiten kaum möglich sind, im Fernsehen und im Radio wird in der Weihnachtszeit dieses Oratorium gerne gespielt. Vielleicht habe Sie den Eingangschor des Weihnachtsoratoriums im Ohr, wenn es heißt:


Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage,
rühmet, was heute der Höchste getan!
Lasset das Zagen, verbannet die Klage,
Stimmet voll Jauchzen und Fröhlichkeit an!
Dienet dem Höchsten mit herrlichen Chören,
Lasst uns den Namen des Herrschers verehren!


Mit Pauken und Trompeten beginnt Johann Sebastian Bach sein Weihnachtsoratorium - als wollte er uns aus dem Tiefschlaf reißen. Besonders in diesem Jahr brauchen wir solch kräftige Paukenschläge und Trompetenklänge, um aus unserer Pandemie-Erschöpfung für einen Moment herausgerissen zu werden, um wach zu werden für die Weihnachtsbotschaft. Es droht ja tatsächlich, dass wir dieses Ereignis an Heilig Abend vor lauter Sorgen verpassen, wenn wir erinnern, dass Gott Mensch wurde. Man kann nämlich leicht in scheinbarer Gottverlassenheit dahindämmern, als gäbe es Weihnachten gar nicht. Man kann seinen düsteren Gedanken nachhängen und einfach liegen bleiben auf dem Lager der Entmutigung.


Auf! Auf - singt der Chor, erhebt euch aus Müdigkeit und Resignation! "Auf, preiset die Tage!" Die Tage preisen? Diese Tage, die von Auflagen und nicht enden wollenden Einschränkungen in der Pandemie geprägt sind? Gelernt haben wir: man soll den Tag nicht vor dem Abend loben. Aber wenn wir mit dem Loben erst dann anfangen, wenn wir mit dem Nachrechnen-fertig sind fertig sind, wenn wir die Tage erst preisen, nachdem wir Bilanz gezogen haben, dann wir meist nichts draus! Das Leben will um seiner selbst willen gepriesen werden - schon deshalb, weil Gott es mit uns teilt.


Mit dem Loben und Preisen tun wir uns schwer. Das Klagen fällt uns erheblich leichter. Auch wir Christinnen und Christen gebärden uns nicht selten wie ein Verein von Klage-Weibern und -Männern. "Lasset das Zagen, verbannet die Klage, stimmet voll Jauchzen und Fröhlichkeit an!" Das ist leicht gesagt und gesungen. Die Klage verbannen - das klingt wie ein Hausverbot für unseren Hang zu Trübsal und Gleichgültigkeit. Aber haben wir denn Grund zum Jauchzen und zur Fröhlichkeit?


Ja, den haben wir - jedenfalls dann, wenn wir wieder staunen lernen über das "was heute der Höchste getan" hat. Hoch - höher - am höchsten: Das ist unser Traum vom Leben. Gottes Traum sieht anders aus. Er, der "Höchste" will zu uns herunter. Gott will zu seinen Menschen: will unser armes Leben teilen, will hinein in unsere Angst und Verzagtheit, in unsere Hoffnungslosigkeit und unser vom Tod umstelltes Dasein. Und er hat sich seinen Traum zu Weihnachten erfüllt. Er ist in Jesus Mensch, ist einer von uns geworden, um uns nahezukommen, um ganz und für immer bei uns zu sein. Gerade in diesen so schwierigen Zeiten ist er an unserer Seite, versteht und teilt unsere Sorgen. Ist das nicht wirklich ein Grund zum Jubeln!?


Gott hat sich im Krippenkind an unsere Seite gestellt. Er selbst bringt unser Zagen zur Ruhe, verbannt die Klage und entzündet in unseren ausgebrannten Herzen neue Freude - Freude an seinem Kommen, Freude an einem Leben in seiner Gegenwart. Darum hat der Eingangschor des Weihnachtsoratoriums auch Recht, wenn er uns Mut macht: "Dienet dem Höchsten mit herrlichen Chören, lasst uns den Namen des Herrschers verehren." Mit herrlichen Chören! Wir sollten diesen Lobpreis nicht nur den Chorsängerinnen und -sängern des Weihnachtsoratoriums überlassen - auch wenn wir ihn in unserem Alltag so schön wie sie nicht hinkriegen. Aber seit der Geburt im Alltagsstall von Bethlehem hat sich auch unser grauer Alltag verändert: Gott ist dabei! Grund genug, seinem Lebensangebot zu folgen und so die Tage zu preisen mit dem, was wir tun und lassen - und vielleicht auch ab und zu mit einem kleinen Lied. Es könnte sogar ein Choral aus dem Weihnachtsoratorium sein.


Wolfgang Blöcker
(nach einer Idee von Margarete Plate)